Von Hsipaw bis Pyin Oo Lwin im Zug

Hsipaw

Hsipaw war der nächste Stopp auf unserer vierwöchigen Tour durch Myanmar für meinen Reisebuddy John und mich. Nach einigen Tagen der puren Entspannung mit Fahrradtouren und extrem gutem Essen am Inle See waren wir bereit für ein neues Abenteuer. Klar war, dass wir gerne noch einmal so etwas erleben wollten wie die Wandertour, die wir schon von Kalaw bis zum See gemacht hatten, nur eben wo anders.

Vom Inle See nach Hsipaw – nichts für schwache Nerven

Schon beim Einsteigen in den Minibus, der uns an unser Ziel bringen sollte, wurde uns bewusst, dass diese Reise keine angenehme sein würde. Es gab einfach keinen Platz oder besser gesagt zu viele Menschen, Tiere und Gepäckstücke für ein viel zu kleines Fahrzeug. Nichtsdestotrotz nahmen wir Platz. Unsere schweren Backpacks unter unseren Füßen und mit fremdem Gepäcke und Boxen auf dem Schoß. Im Hintergrund schreiende Babys. Das der Minivan keine Klimaanlage hatte, war zu erwarten. Dass sich aber beinahe jeder Mitfahrende auf der Fahrt mehrmals übergeben würde weniger.

Tatsächlich sind es viele Einheimische in der Gegend einfach nicht gewohnt Auto zu fahren. Am Inle Lake werden hauptsächlich Boote als Transportmittel genutzt. Abgesehen davon noch Fahrräder und Mopeds. Ein Auto besitzen die wenigsten. Daher auch die einfache Erklärung, warum sich wirklich jeder kontinuierlich übergeben musste. Auf späteren Fahrten stellten wir übrigens noch fest, dass der Busfahrer mit einem Tablett voller Pillen rumlief. Anscheinend waren einige gegen Übelkeit, andere für einen guten Schlaf und der Rest für uns absolut nicht identifizierbar. Dies war aber eher Gang und Gebe bei größeren Busunternehmen und nicht beim Minivan Fahrer um die Ecke. Übrigens half es auch nicht, dass viele unserer Begleiter trotz Übelkeit immer wieder ihre Mägen nachluden.

Hsipaw
Zwischenstop im Restaurant

Eine wackelige Fahrt im Minivan

Die gut ausgebauten Betonstraßen, die wir davor noch gelobt hatten, gehörten auch recht schnell der Vergangenheit an. Der trockene rote Sand sowie Kieselsteine flogen in die Höhe und in unseren Van, wenn der Gegenverkehr vorbei raste. Die Fenster zu schließen, kam dank des Geruchs und der Hitze nicht in Frage.

Unser Fahrzeug wackelte so stark, dass mein Handy mir am Ende der Fahrt in meiner Health App mehrere tausend Schritte gutgeschrieben hatte. Steile Abhänge in den sicheren Tod, wenn wir nur wenige Zentimeter weiter an den Rand gefahren wären, prägten die letzten Stunden der Fahrt. Unser Fahrer war dabei total desinteressiert und abgelenkt von Snacks und seinem Telefon. Nach einigen kurzen Pausen und dem Vorbeifahren an mehreren fatalen Unfällen erreichten wir endlich Hsipaw.

Augen auf bei der Hotelwahl…

Wir wurden an unserem Hotel ausgesetzt und waren nicht schlecht überrascht, als wir sahen, dass es um einiges moderner aussah als wir von den Fotos erhoffen konnten. Aber zu früh gefreut. Tatsächlich war unser Zimmer in dem Gebäude hinter dem Schönen, in dem die Rezeption platziert war.

Ein Mitarbeiter führte uns in unser moskitoverseuchtes Schlafzimmer, das zu klein war, um die Tür komplett zu öffnen, weil sie gegen das Bett stieß, wenn man sie öffnete. Abgesehen von diesem Bett war eine frei hängende Glühbirne das einzig andere Teil dieses trostlosen Zimmers. Einzeln traten wir ein, kletterten übers Bett und versuchten unsere Backpacks durch die Türen zu quetschen.

Hsipaw
Fahrzeuge in Myanmar überraschen immer wieder

Entspannende und aufregende Stunden in Hsipaw

Da es schon relativ spät am Abend war, gingen wir direkt wieder raus, um uns auf die Suche nach etwas Essbaren zu machen. Ziemlich vergeblich. So gut wie alles hatte geschlossen. Das Einzige, dass wir fanden, war unsere bisher schlechteste Mahlzeit in Myanmar. Mit der Hoffnung, dass nach einer Nacht mit gutem Schlaf alles besser wird und wir keine Lebensmittelvergiftung eingefangen hatten, ging es für uns zurück ins Hotel.

Tatsächlich begann der folgende Tag um einiges besser. Das Frühstück auf der Dachterrasse des schönen Gebäudes unserer Unterkunft war mehr als genügend. Neben traditionell asiatischem Essen gab es sogar Toastbrot. Die Aussicht bot uns einen Blick über die langsam wegziehenden Nebelschwaden und eine langsam aufgehende Sonne am Horizont. John und ich beschlossen uns an diesem Tag getrennte Wege zu gehen. Er suchte nach einem Motorradverleih, um auf zwei Rädern die Gegend zu erkunden. Ich plante das Städtchen zu Fuß zu erkunden, meine Ruhe zu genießen und mein Buch zu lesen. Aber wieder einmal kam alles anders als gedacht.

Hsipaw
An den Grenzen der Stadt

Leben retten zwischen Kaffee & Kuchen

Nach einem kleinen Spaziergang durch die Straßen von Kalaw und den Tempelruinen der Stadt, fand ich ein kleines Café am Rande des Flusses. Ich setzte mich an einen Tisch mit Blick auf das braune, eiskalte Wasser. Die Kellnerin nahm meine Bestellung auf, als wir plötzlich eine Frau schreien hörten. Sie wurde von den Fluten mitgezogen und sah sehr energielos aus.

Die Kellnerin informierte den Koch, der sofort ins Wasser sprang, um die inzwischen bewusstlose Frau aus dem Wasser zu ziehen. Auch ich machte mich auf den Weg ins Kalte. Gemeinsam gelang es uns den leblosen Körper aus dem Wasser zu ziehen. Glücklicherweise erinnerte ich mich noch recht gut an meinen letzten Erste-Hilfe-Kurs, während alle anderen Zuschauer völlig überfordert auf mich blickten. Nach einiger Zeit war die Frau reanimiert, verlor aber immer wieder ihr Bewusstsein.

Nach einer gefühlten Ewigkeit erreichte eine Art Krankenwagen den Ort. Bis dato hätte ich nicht einmal gedacht, dass es so etwas in dieser Gegend überhaupt gäbe. Die Frau wurde mitgenommen und immer noch unter Schock setzte ich mich mit dem Koch und der Kellnerin an einem Tisch nieder. Komplett durchnässt. Warum sie im Wasser war und was aus ihr geworden ist, habe ich nie erfahren.

Immerhin stoß ich auf drei Franzosen, die mich vom Hotelfrühstück wieder erkannten. Sie gingen mit mir nach Hause und ich wartete auf John‘s Rückkehr. Wir beschlossen am Abend, dass wir genug von Kalaw gesehen hatten und am nächsten Morgen den Zug in Richtung Süden nehmen würden. Unsere Entscheidung wurde bestätigt, als ein Rollerfahrer beim Abendessen im Restaurant in unseren Tisch krachte. Das war wirklich nicht unsere Stadt und es konnte nur noch bergauf gehen.

Ein eher kurzer Ausflug nach Hsipaw geht zu Ende

Keiner von uns war am nächsten Morgen traurig das Hotel zu verlassen. Mit unserem Gepäck ging es über die sandigen Straßen bis hin zum Bahnhof. Wir kauften unsere Tickets und warteten auf den Zug. Tatsächlich ist diese Zugstrecke eine weltweit bekannte, da sie über eine der höchsten Holzbrücken verfügt. Zugegebenermaßen gibt es heutzutage deutlich größere ihrer Art.

Nichtsdestotrotz gilt die im Jahr 1900 fertiggestellte Überführung als eine der technisch Bewundernswertesten. Gebaut wurde sie auf 15 Türmen mit einer Höhe von bis zu über 100 Meter. In der Länge misst sie 689 Meter. Bei Touristen ist diese Strecke vor allem wegen ihrer Hufeisenkurve auf der Brücke beliebt. So hat man die Möglichkeit den gesamten Zug bei der Überfahrt aus dem Fenster zu beobachten und sehr aussagekräftige Fotos zu schießen und gleichzeitig den anderen Zuginsassen vom anderen Ende zuzuwinken.

Goteik Viadukt

In der ersten Klasse von Hsipaw nach Pyin Oo Lwin

Aber zurück zum Anfang. John und ich „gönnten“ uns erste Klasse Tickets, die nur ein paar Cent teurer waren als die Standartfahrtpreise. Die Sitze waren ganz okay. Was aber durchaus überraschend war, war dass der Zug über keinerlei Fensterscheiben oder Türen verfügte. Man konnte praktisch jederzeit einfach raus und rein. Auch auf der 100 Meter hohen Brücke… Zugegebenermaßen war die Belüftung aber ganz nett, da die an die Decke geschraubten Ventilatoren nur wenig gegen die Mittagshitze halfen. Außerdem sollte man aufpassen, wenn man einen Fensterplatz hat. Ansonsten könnte es eventuell vorkommen, dass man gelegentlich von Ästen ins Gesicht geschlagen wird und kleinere Platzwunden bekommt. Und ja, eventuell ist auch mir das passiert.

Während der gesamten Fahrt wackelte der Zug übrigens so stark, dass sich unser Gepäck von den Überkopfhalterungen löste und auf die netten Damen vor uns flog, die das ganze immerhin recht belustigend fanden. Bei den Zwischenstopps kamen immer wieder Verkäufer in die Wagons oder verkauften frisches Essen direkt durch die offenen Fenster. Insgesamt dauert die Fahrt der gesamten Zugstrecke von Lashio bis nach Mandalay gute 15 ½ Stunden. Wir waren recht froh darüber, dass wir erst in Kalaw zugestiegen waren.

Eine unserer Haltestellen
Snacks in der ersten Klasse

Der Shan Staat & seine Schattenseiten

Lashio, genau wie auch Hsipaw, ist im Shan Staat des Landes gelegen. Er ist der größte Staat des Landes und nimmt etwa ein Viertel der gesamten Landmasse ein. Grenzend an der chinesischen Region Yunnan, sowie Teilen von Laos und Thailand ist auch diese Region bekannt für ihre vielen ethnischen Auseinandersetzungen. Viele der bewaffneten Gruppen konnten vom zentralen Militär zu einem Waffenstillstand bewegt werden. Andere jedoch schlossen sich der Shan State Army an. Ihr Ziel war es für lange Zeit den Staat in eine Unabhängigkeit von der zentralen Regierung zu bewegen, bis sie schließlich 2012 ein Abkommen trafen.

Auch bekannt ist die Gegend für ihren Drogenhandel und die Herstellung von Opioiden und Methamphetaminen. Hinter Afghanistan ist Myanmar der größte Exporteur von Opioiden mit einem Marktanteil von 25%. Bis zur Jahrtausendwende war das Land sogar Marktführer. Bei den Methamphetaminen soll Myanmar übrigens zum weltweit größten Produzenten aufgestiegen sein. Es wird gesagt, dass manche der Drogenbosse Armeen mit bis zu 1000 Soldaten besitzen. Gehandelt wird hauptsächlich über das goldene Dreieck, also dem Grenzgebiet zwischen Laos, Thailand und Myanmar, durch welches der Mekong fließt. Von dort aus gelangen die illegalen Drogen weiter nach Bangkok und werden über die gesamte Welt weiter geleitet mit großen Märkten in den USA.

Ein weiterer wichtiger Einkommenspunkt des Shan-Staates ist der Bergbau. In den unzähligen Hügeln und Bergen sind neben großen Vorkommen an Rubinen auch Zink, Blei und Silber vertreten.  Aber auch die Landwirtschaft ist ein großer Sektor in diesem Gebiet mit großen Flächen für den Reisanbau und idealen Wetterbedingungen für zahlreiche Obst- und Gemüsesorten.

Hsipaw – eine Reise wert?

Wer sich meine Geschichte durchgelesen hat, wird wahrscheinlich verstehen, warum Hsipaw nicht zu meinen Lieblingsreisezielen gehört. Ich würde dennoch gerne an diesen Ort zurück kommen um ihm eine weitere Chance zu geben.

Hsipaw ist mit Sicherheit nicht das Highlight auf diesem Trip gewesen. Dennoch war die Zugfahrt von dort aus bis Pyin Oo Lwin eine Erfahrung, die ich nicht missen wollen würde.

Ein Kommentar bei „Von Hsipaw bis Pyin Oo Lwin im Zug“

  1. […] zurückgelegt. Dazu zählte unter anderem eine rund sieben stündige Fahrt mit dem Zug von Hsipaw in Richtung Süden bis nach Pyin Oo Lwin. Bevor es weiter ins knapp 70 Kilometer entfernte Mandalay […]

Schreibe einen Kommentar